Navigation überspringen
AllgemeinBrandenburgDuisburg und das RuhrgebietEnergiewirtschaftKlimaschutz04.08.2026

Scham schützt das Klima nicht - Warum eine Ökologie für Alle eine andere Sprache braucht.

Warum eine Ökologie für Alle eine andere Sprache braucht. // Eine Antwort auf die Kolumne von Petra Pinzler in der ZEIT 

Liebe Leserinnen und liebe Leser! 

Draußen sind es an die 40 Grad, sobald man jedoch ein Gebäude betritt, kühlt es sich auf gefühlt zehn Grad ab. Kein Restaurant, kein Büro, kein Hotelzimmer, in dem keine Klimaanlage läuft, selbst die Parkhäuser werden hier klimatisiert. Wenn man an einer Einfahrt vorbeiläuft, umweht einen die Kälte, ein bisschen angenehm ist es schon, aber auch etwas spooky. In Houston, Texas, ist es mal wieder heiß, so wie eigentlich immer im Sommer. An Temperaturen, wie sie in diesem Jahr auch bei uns aufkommen, hat man sich hier längst gewöhnt. Die Amerikaner haben sich entschieden, die Hitze einfach auszusperren, ein Leben zu führen, als gäbe es sie gar nicht. In den Restaurants, Büros, Hotels muss man hoffen, einen Teller aus Porzellan oder Besteck aus Edelstahl zu bekommen, in aller Regel ist es doch Pappe und Plastik, verpackt in noch mehr Plastik, wir haben’s ja. 

Acht Tage verbringe ich in den USA, acht Tage Hoffen, dass mich diese bizarren Temperaturwechsel nicht krank machen, acht Tage Wundern, auf welcher Ignoranz der planetaren Grenzen das Leben hier aufgebaut ist. 

Als ich eine Woche später durch Frankreich fahre, immer wieder auf die Ausbreitung der Waldbrände schauend, hoffend, dass es nicht zu schlimm wird, und auch, dass unsere angepeilte Route weit genug entfernt ist, muss ich oft an diese acht Tage denken. Die Gleichzeitigkeit der ökologischen Krisen mit ihren apokalyptisch anmutenden Folgen und der alltäglichen, ja beinahe beiläufigen und gleichzeitig systematischen Zerstörung unserer Ökosysteme, sie ist ohne kognitiv-intellektuelle Verrenkungen, ohne eine ganze Menge Selbstbetäubung kaum auszuhalten. 

Woher kommt diese Parallelität von dystopischem Erleben einerseits und offensiv-ignorantem Handeln andererseits? Woher kommt unsere kollektive Gleichgültigkeit im Angesicht der ja nun wirklich nicht mehr wegzudiskutierenden Folgen von Erderhitzung, Artenverlust und Vermüllung unseres Planeten? Soll der Kanzler doch noch fünfmal sagen, er sei für das Wetter nicht zuständig, wir wissen, dass er es ist, dass wir alle es sind. Denn was wir beinahe verniedlichend Extremwetter nennen, ist im Kern nichts anderes als die Rechnung für unsere Lebens- und Wirtschaftsweise, für die täglichen Entscheidungen, die früheren und die heutigen, politisch wie persönlich, vor allem politisch. 

Die Journalistin Petra Pinzler ist vor einigen Tagen in der ZEIT dieser Frage nachgegangen, und als ich ihre Kolumne las, fühlte ich mit ihr. Es war ein gar nicht mal so stilles, eher ein entrüstetes und gleichzeitig ratloses Entsetzen ob dieser kultivierten Verdrängung. Petra Pinzler schrieb auch darüber, wie wenig der politische Betrieb gerade in der Lage ist, angemessen auf diese Entwicklung zu reagieren, und neben der gleichermaßen erwartbaren wie gerechtfertigten Kritik an Energie-, Klima-, Umwelt- und Verkehrspolitik von Union und SPD in der Bundesregierung stand dort: „Nicht mal die Grünen schaffen es, Worte dafür zu finden, dass jetzt genau das eintritt, wovor sie immer gewarnt haben.“ 

Es wäre nun ein leichter Reflex, das alles zurückzuweisen, auf die vielen Presseartikel mit Zitaten grüner Politikerinnen und Politiker zu verweisen, auf Sharepics in den digitalen Medien, all das. Aber ich befürchte, Petra Pinzler hat Recht. Sie hat uns, sie hat zumindest mich ertappt. 

Unser Planet brennt, relevante Teile Europas und auch der Welt stehen in Flammen, ganze Regionen werden evakuiert. Menschen sterben, verlieren ihre Heimat, Jahrhunderte alte Wälder sind für immer weg, Natur wird vor unseren aufgerissenen Augen verbrannt und zerstört. Das Wasser wird allerorten knapp, aber auch dieser Notstand wird einfach hingenommen. In Deutschland sterben in der Hitzewelle Ende Juni innerhalb weniger Tage über fünftausend Menschen mehr als üblich, man kann nicht anders, als sie als Hitzetote zu klassifizieren. 

Und was passiert? Nichts. Kein öffentliches Gedenken. Keine Kundgebung, kein Protest, kein Maßnahmenpaket, nichts. Der Bundeskanzler und eigentlich alle denkbar zuständigen Ministerinnen und Minister erklären sich als nicht zuständig, wenn sie überhaupt etwas erklären. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen. Irgendwann wird’s schon wieder regnen. Gehen Sie doch bitte, bitte einfach weiter. 

83 Prozent der Befragten meinen im ZDF-Politbarometer, in Deutschland werde nicht genug gegen die Hitze getan, aber nur 54 Prozent sagen das über den Schutz des Klimas. Geht es also doch nur um Klimaanlagen und Wasserspender?  

Zurück nach Texas. Während ich bei den erwähnten gefühlt zehn Grad Celsius in einer Hotellobby stehe, denke ich an den grünen Vorstoß, der Staat sollte Klimaanlagen fördern – an Orten, an denen sie besonders dringend gebraucht werden, in Altenpflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Schulen etwa. Petra Pinzler kritisiert – mit Verweis auf den Klimaforscher Stefan Rahmstorf – dass in der Hitzewelle mehr über Klimaanlagen als über Klimaschutz gesprochen wurde. Ich verstehe den Punkt, aber ist es so einfach? 

Die Erderhitzung ist schon so weit vorangeschritten, dass es gar keine reale Option mehr ist, zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung zu priorisieren, geschweige denn zu entscheiden. Je konsequenter wir Klimaschutz betreiben, desto mehr Zeit gewinnen wir für die Anpassung unseres Lebens an veränderte klimatische Bedingungen. Beides ist notwendig, und beides wird systematisch vor die Wand gefahren. Nur ein Beispiel: Die Deutsche Bahn bestellt weiter Züge, in denen bei 45 Grad Celsius die Klimaanlage ausfallen wird – solche Temperaturen werden aber in näherer Zukunft regelmäßig im Sommer eintreten. Würde die Bahn Klimaprognosen ernst nehmen, würde sie andere Züge bestellen. 

Wie lässt sich eine solche Politik des offensiven Wegsehens vor dem Offensichtlichen länger begründen? Und, ganz grundsätzlich, wie will man erklären, dass amerikanische Autos in der Tiefgarage besser vor der Hitze geschützt sind als deutsche Rentner im Pflegeheim? 

Klimaanpassung ist notwendig. Klimaanlagen sind eine Form der Klimaanpassung. Stadtbegrünung, Entsiegelung, Renaturierung sind weitere. Klimaanpassung ersetzt keinen Klimaschutz, aber Klimaschutz ersetzt auch die Klimaanpassung nicht, zumindest nicht mehr. 

Aber zurück zu Petra Pinzlers Aussage, auch die Grünen schafften es nicht, die richtigen Worte zu finden. Das stimmt. Auch wir sind, auch ich persönlich bin auf der Suche nach einer ökologischen Sprache, die der objektiven Dramatik gerecht wird, die die Krise angemessen beschreibt – und darüber nicht an Wirksamkeit und Anschlussfähigkeit verliert. Es ist nicht einfach fehlender Mut oder Anbiederung an den Zeitgeist, der mich und uns hindert. Es ist auch der Versuch, die richtigen Konsequenzen aus dem Hegemonieverlust zu ziehen, der ökologische Politik in den letzten Jahren erfasst hat. 

Als wir 2025 entschieden, Klima- und Energiepolitik zum Schwerpunkt unseres ersten Parteitags in der Opposition zu machen, winkten viele Journalisten und auch einige Mitglieder schnell ab. Ach, Klima, wie spannend, das hat man ja gar nicht erwartet, na dann bleibt mal in eurer Nische. Ich habe es mit einiger Genugtuung aufgenommen, dass das Urteil nach dem Parteitag ein anderes war. Wir haben die Chance genutzt, die doppelte Demobilisierung anzugehen, die (grüne) Klimapolitik in der Zeit davor erfasst hatte. Zum einen war da die Enttäuschung in der Umwelt- und Klimabewegung, dass selbst unter grüner Regierungsbeteiligung nicht das wissenschaftlich Notwendige vereinbart und umgesetzt werden konnte, um Deutschland verlässlich auf den 1,5-Grad-Pfad zu führen. Und zum anderen hatten wir erlebt, wie genau in dieser Zeit grüne Klimapolitik von relevanten Teilen des politischen Spektrums erfolgreich zum Grundübel von Wachstumsschwäche, Deindustrialisierung, Arbeitsplatzverlust und Preissteigerungen stilisiert wurde, und noch schlimmer, zum Inbegriff von Übergriffigkeit und ideologischer Brechstange. Vor diesem Hintergrund war es keine Option, die künftige ökologische Politik der Grünen allein auf der Skala „mehr oder weniger Klimaschutz“ zu bearbeiten. Es brauchte einen anderen Ansatz. 

Warum ist es so schwer geworden, über das Klima zu reden, fragte ich also unsere grünen Delegierten auf unserem Parteitag. Denn so fühlte es sich für mich an: Dass es schwer geworden war, über das Klima zu reden, oder zumindest damit Gehör zu finden, weil man permanent im Verdacht stand, unnachgiebig, störrisch, trotzig, alarmistisch oder hysterisch zu sein, irgendwie neben der Spur oder zumindest neben dem politisch gerade relevant diskutierten Thema. Ignorant, weil ja nunmal in den letzten Jahren so viele andere Themen dazugekommen waren, der schreckliche Krieg vor unserer Haustür, die Inflation, die wirtschaftliche Not. 

Aber so sehr veränderte Prioritäten nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine oder die anhaltende Wirtschaftsschwäche Deutschlands ein Teil der Erklärung waren und erfolgreich vorgetragene, vorsichtig ausgedrückt, ökonomisch motivierte Vorbehalte gegenüber einer wirksamen Klimapolitik sicherlich relevant, so wenig erklärten diese beiden Ansätze die massive Polarisierung, die sich in den ökologischen Fragen breitgemacht hatte. 

Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, muss einige Jahre zurückblicken in die Blütezeit der Klimapolitik. Wer den Verlust von Hegemonie erklären will, muss zunächst sehen, wie und mit welchen Folgen diese Hegemonie zuvor gewonnen worden war. Denn genau das war es. Der zwischenzeitlich erfolgreiche Einsatz der Umwelt- und Klimabewegung markierte einen Hegemoniegewinn der ökologischen Kräfte. Hegemonie zu gewinnen, heißt: die Debatten zu prägen, Deutungshoheit über richtige und falsche Entscheidungen zu erlangen, zu werten, und zu wissen, dass die eigene Wertung Gewicht hat, moralisch wie politisch. Hegemonie ist Macht, Hegemonie ist der Ausgangspunkt für Gestaltungskraft.  

Der ökologische Hegemoniegewinn schaffte den Möglichkeitsraum, in dem eine ambitioniertere Klima- und Umweltpolitik gesetzlich überhaupt erst verankert werden konnte. Das offenkundigste Beispiel: Der Green Deal der Europäischen Union. Er war das direkte Resultat der Europawahlen 2019, die als Klimawahlen wahrgenommen wurden und in Deutschland die Grünen erstmals bei einer bundesweiten Wahl zur zweitstärksten Kraft machten. 

Aber Hegemonie schafft auch Verlierer. Menschen, deren Selbstbild herausgefordert, deren Lebensleistung in Frage gestellt wird, und wenn aus dem Hegemoniegewinn tatsächlich substanziell andere Politik folgt, auch ökonomische Verlierer: Öl- und Gaskonzerne (und deren Belegschaften), deren Geschäftsmodelle keine Zukunft haben, wenn das Primat der Ökologie tatsächlich wirkt. Klimapolitik stellt die Machtfrage. 

Im Fall der Klimapolitik hatte dieser Hegemoniegewinn eine besondere Wucht: Er stellte nicht nur einzelne Entscheidungen infrage, sondern ganze Biografien – Berufe, Lebensentwürfe, die über Generationen als solide, ehrbar, normal gegolten hatten. Wer sein Leben lang im Bergbau oder in der Automobilindustrie gearbeitet hatte, hörte plötzlich, dass genau diese Arbeit das Problem sei. Überwiegend junge, überwiegend gut gebildete, urbane, professionelle, laute, kreative, ungeduldige Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten und darum rangen, es frei und selbstbestimmt leben zu können, klagten an – zu Recht. Und auf der Anklagebank saßen ihre Väter und Großmütter, die einen großen Teil ihres Lebens bereits hinter sich hatten, es nicht mehr ändern konnten. 

Natürlich geht es an einem Menschen nicht spurlos vorbei, wenn die eigene Lebensleistung so grundsätzlich infrage gestellt zu werden scheint. Wir haben uns angewöhnt, von dreckigem Gas und dreckiger Kohle zu sprechen, die wir durch sauberen Strom aus Erneuerbaren ersetzen wollen. Auch den Verbrenner-Motor nennen wir dreckig. In der Sache ist diese Unterscheidung nicht falsch. Aber haben wir uns ausreichend gefragt, was es mit Menschen macht, die in diesen Branchen arbeiten, die diese Produkte herstellen? Was soll der Ingenieur denken, der mit dem Verbrenner-Motor nicht nur verbindet, einen regelmäßigen Lohneingang auf seinem Konto zu sehen und sein Eigenheim abbezahlen zu können – sondern auch Stolz und Identität? Wer ist schon gerne dreckig, wer verschmutzt schon gerne und freiwillig sich selbst, sein Umfeld, die Welt? 

Die Empfindung, über die wir sprechen, ist Scham. Wer beschämt wird, fühlt sich schlecht. Scham ist ein entmutigendes Gefühl, ein lähmendes. Scham kann Ohnmacht erzeugen. Scham öffnet Menschen nicht für eine neue Erkenntnis und auch nicht automatisch für eine Einstellungs- oder Verhaltensänderung. Scham verschließt, verhärtet, provoziert Abwehr. Menschen wollen im Einklang mit ihren Werten leben, aber sie passen nicht automatisch ihre Lebensweise an ihre Werte an, sondern im Zweifel ihre Werte an ihre Lebensweise. Wer Menschen für sich und seine Überzeugungen gewinnen will, darf nicht beschämen, sondern muss ermutigen, befähigen, aktivieren. 

Es gibt viele Beispiele dafür, wie man es nicht machen sollte. 2019 sang der WDR-Kinderchor die Zeilen „Meine Oma ist ne alte Umweltsau” – ein missglückter Scherz, fand ich, aber kein Skandal. Trotzdem wurde einer daraus: Mail um Mail erreichte den Sender, der Hashtag #Umweltsau trendete tagelang, und der damalige Intendant sah sich genötigt, in den Weihnachtstagen persönlich um Entschuldigung zu bitten. Das ist nicht das einzige Beispiel für eine moralisch-ästhetische Abwertung ökologisch schädlichen Verhaltens. Die Umweltsau-Debatte hat mit dazu beigetragen, aus der denkbar materiellsten Frage unserer Zeit – die nach den natürlichen Lebensgrundlagen und den Gesetzen der Natur – eine Episode im Kulturkampf zu machen. 

Was ist also die richtige Sprache, was sind die richtigen Worte? 

Alles, was nach Verharmlosung, Relativierung, Gewöhnung, Normalisierung klingt, verbietet sich. Die Lage ist dramatisch, und wenn wir nicht sehr fundamental umsteuern, wird sie in einer Weise dramatisch, wie es eigentlich niemand wollen kann. Wir kommen also nicht darum herum, diese Dramatik zu beschreiben, die Zahl der Leidtragenden zu nennen und ihre Geschichte zu erzählen, der Hitzetoten, der unter der Hitze Leidenden, der Menschen, die ihr Hab und Gut an die Flammen der Waldbrände verloren haben. Wir müssen beschreiben, worum es geht, nämlich nicht um ein abstraktes Klima, sondern um das konkrete Leben und Überleben. Klimaschutz ist Menschenschutz, so ausgelaugt es klingt, so richtig ist und so richtig bleibt es.  

Die Dramatik anzuerkennen, kann auch bedeuten, vergleichsweise drastische Maßnahmen zu ergreifen. In München war für eine Zeitlang die Versorgung mit Trinkwasser nicht mehr gesichert. Der neue grüne Oberbürgermeister Dominik Krause hat daraufhin eine zeitlich begrenzte Allgemeinverfügung erlassen, die unter anderem das Befüllen privater Pools und das Bewässern des Gartens in den Sonnenstunden untersagt hat. Natürlich gab es in den digitalen Medien hämische Kommentare, von grüner Verbotskultur war  sofort die Rede. Aber Dominik Krause hat die Maßnahmen gut begründet und erklärt und sich per Video direkt an die Münchnerinnen und Münchner gewandt, eindringlich, aber empathisch. Und: Die Maßnahmen hatten Erfolg, es wurde ausreichend Wasser gespart, die Bürgerinnen und Bürger haben durch verantwortungsvolles Handeln – an dieser Stelle das Befolgen von allgemeinverbindlichen Regeln – dazu beigetragen, Schlimmeres zu verhindern. Nach einigen Tagen konnte die Allgemeinverfügung aufgehoben werden. 

Aber was folgt nun daraus? 

Man kann Menschen die Wahrheit über die ökologische Lage zumuten, und man kann ihnen auch zumuten, sich mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen. Man sollte es aber nicht als moralische Anklage formulieren, sondern als Appell an gemeinschaftliche Wirksamkeit: Wenn wir gemeinsam anpacken, können wir die Probleme angehen, die sich uns stellen. Das muss die Botschaft sein. 

Wenn es stimmt, dass Scham verschließt und Ohnmacht entmutigt, braucht es für den folgenden Schritt eine Sprache, eine Ansprache, ja eine ökologische Politik, die öffnet, die ermutigt und befähigt, die Hoffnung schafft, dass es sich lohnt, jetzt Dinge anders zu machen, damit später überhaupt noch Dinge gemacht werden können. Es braucht eine Ökologie, konsequent sozial ausgestaltet, an den Bedarfen der Vielen orientiert, die kein schlechtes Gewissen schafft, sondern das gute Gefühl, mit dem eigenen Handeln im Einklang mit den Werten zu stehen, die man vertritt. 

Eine Ökologie für Alle also, eine Mitmach-Ökologie, an der Menschen durch eigenes Tun mitwirken können, nicht aus schlechtem Gewissen heraus, sondern aus Freude an der eigenen Wirksamkeit. Denn darum geht es: Um Wirksamkeit, individuell wie kollektiv. Klimapolitik wird nicht dadurch wieder wirksam und anschlussfähig, dass sie ihre eigene Ambition aufgibt oder verschleiert. Sie wird wieder wirksam, wenn sie es schafft, Menschen zu aktivieren, zu mobilisieren.  

Auch bei denen, die im Grundsatz von ambitioniert ökologischer Politik überzeugt sind, hat sich in letzter Zeit Ernüchterung, beinahe Lethargie breitgemacht. Mit jedem Erreichen eines Kipppunktes scheint die Energie zur Lösung der Krise nicht größer, sondern kleiner zu werden. Die Enttäuschung über ausbleibenden Klimaschutz ist aber überhaupt kein Anlass für Fatalismus und Resignation. Für das Klima gilt nämlich dasselbe wie für die Demokratie und die internationale Ordnung: Die Lage ist schlecht, aber nicht hoffnungslos. Versteht man Hoffnung nicht als „Wird schon!“, sondern als „Es ist noch nicht entschieden“, dann ist sie keine passive Emotion, sondern eine politische, eine gemeinsame Praxis. Wenn wir uns fragen, wie wir die große Lücke zwischen ökologischer Notwendigkeit und realer Handlung schließen, geht es am Ende vielleicht gar nicht so sehr um Sprache, sondern vielmehr um genau diese gemeinsame Praxis. 

Die Forscherin und Autorin Sarah Stein Lubrano hat an der Schnittstelle zwischen Politik und Psychologie gearbeitet und im letzten Jahr ein Buch veröffentlicht, das einen völlig neuen Blick auf politische Veränderung ermöglicht. „Don’t talk about politics“ heißt es, und der provokative Titel ist Programm. Stein Lubranos These ist so simpel wie folgenschwer: Nicht endlose politische Debatten, Fernsehduelle, Kommentarspaltendiskussionen und verhärtete Fronten am Stammtisch verändern Einstellungen – persönliche Begegnungen und eigene, lebensweltliche Erfahrungen von Selbstwirksamkeit tun es. Statt also den Onkel am Weihnachtstisch mit Statistiken, Grafiken und schauerlichen Berichten von grüner Politik überzeugen zu wollen, kann es mehr bringen, mit ihm gemeinsam die eigene Balkonsolaranlage zu planen und anzubringen. Gemeinsame Fahrradtouren durch den Wald bewirken mehr als Vorträge über die Schönheit der Natur. 

Diese Erfahrungen sind dabei nicht einfach Wohlfühlaktionen und Gedankenmodelle. Sie schaffen Identifikation mit Klimaschutz und machen das Leben der Menschen quasi nebenbei schon heute bezahlbarer. Dazu tragen sie ganz konkret zur Emissionsminderung bei. 

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Die über 1,3 Millionen Balkonkraftwerke haben mittlerweile zusammen eine Leistung eines Atomkraftwerkes (ca. 1,4 GWp) und sparen ihren Besitzerinnen und Besitzern hunderte Euro Stromkosten jedes Jahr. Wie kam es zu diesem Boom? Ironischerweise war er das konkrete Ergebnis von massiver Entbürokratisierung, die wir als Grüne und mit der Ampel erreichen konnten. Nichts wäre gegangen ohne den Einsatz einer Bürgerenergie-Community, die nicht nur typische Öko-Grüne umfasst, sondern ein breites gesellschaftliches Spektrum hinter sich weiß. Mitmach-Ökologie eben. 

Bei dem besagten Parteitag in Hannover haben wir in zwei Beschlüssen (hier und hier) diesen Weg konsequent weitergedacht. Eben weil wir nicht beim Sprechen bleiben wollten. Klimaschutz als bürgerschaftliches Engagement, ökologische Ambition mit sozialem Fundament, mit einem 600-Stunden-Solarbonus für alle, günstigen Netzentgelten. und klaren Regeln für alle, die ihren selbst produzierten Strom mit den Nachbarn teilen wollen. Ein Recht auf Solar für die Bürgerinnen und Bürger und die stärkere Beteiligung der Kommunen an der Wertschöpfung durch Erneuerbare vor Ort, damit die Gewinne der Energiewende direkt in Kitas, Schulen, besseren ÖPNV und Kühlung der Städte fließen. 

Und es geht weiter: Klimageld für Bürgerinnen und Bürger, und ich finde, in der Krise auch für die Wirtschaft, Wärmewende und E-Mobilität durch Social-Leasing-Modelle für jeden Geldbeutel. 

Stünden Rationalität, Realitätsbezug und Bürgerorientierung statt fossiler Ideologie an der Spitze des Wirtschafts- und Energieministeriums, man könnte diesen demokratischen Schatz gemeinsam heben. Doch stattdessen wird das gemeinsame Wirken für die Energiewende mit der Reform des Erneuerbaren-Energiegesetzes und dem Netzpaket massiv eingeschränkt. Dazu kommt ein neues Gebäudemodernisierungsgesetz, mit dem unter dem Eindruck der größten fossilen Energiekrise seit Jahrzehnten und einer Hitzewelle nach der anderen die Freiheit im Heizungskeller jetzt wieder mit der neuen Öl- oder Gasheizung beginnt. 

Jetzt gehen Sie doch bitte endlich weiter, es gibt hier absolut überhaupt gar nichts zu sehen.  

Wie also raus aus der Misere? 

Mein Ansatz wäre dieser: Wenn der oftmals so technokratisch als sozial-ökologische Transformation benannte Wandel unserer Lebens- und Wirtschaftsweise auf gesellschaftliche Mehrheiten angewiesen ist, muss er selbst als gesellschaftlicher Prozess, als bürgerschaftliches Projekt angelegt sein. Wenn Klimakommunikation nicht als Individualisierung von Verantwortung, sondern als Ermutigung zur gemeinsamen Aktion daherkommt, kann sie die Kraft einer aktiven Bürgergesellschaft wecken. 

Das ist vielleicht die Antwort, die ich Petra Pinzler schuldig bin. Nicht mal die Grünen schaffen es, die richtigen Worte zu finden, hat sie geschrieben. Vielleicht stimmt das noch, und es beschämt mich ein wenig. Aber die Worte sind ohnehin nicht das Ziel, sondern der Anfang. Am Ende zählt nicht, wer die dramatischeren Sätze findet, sondern wer die Menschen mitnimmt, die mitmachen wollen, wenn man sie nur lässt. 

Hoffnung heißt nicht: Es wird schon. Hoffnung heißt: Es ist noch nicht entschieden. Das ist kein billiger Trost, ganz im Gegenteil: Das ist ein Handlungsauftrag. 

Felix Banaszak